Bericht aus Russland: Teil 1 (15. 8. 2003)

Hallo ihr Lieben daheim,

endlich habe ich etwas Zeit und mich daher hingesetzt, um euch ein paar Zeilen zu schreiben. Ich bin jetzt ja doch schon etwas länger als eine Woche in Irkutsk, die Sonne ist gerade untergegangen und bei Kerzenschein und 15 °C sitze ich hier am Schreibtisch und lasse die letzten Tage noch einmal Revue passieren.

Einige von Euch haben ja bereits etwas von mir erfahren und wissen, daß ich hier lebend angekommen bin, in einem ‚Abschischitije’ oder Studentenwohnheim übernachte und es mir ansonsten recht gut geht. Ich habe die folgenden Gedanken einfach mal etwas thematisch geordnet und fange mit meinem größten Problem an:

Die Sprache

Heute kann ich sagen, daß meine Vorstellungen vom „mal schnell Russisch lernen“ doch sehr blauäugig waren. Mit meinem bestehenden Wortschatz aus 20 Worten, einer Kenntnis der Zahlworte und der Buchstaben kommt man doch nicht so sonderlich weit. Und ich dachte, im Russischen kann man ja einfach alles so lesen, wie es dasteht. Doch meine Lehrerin (ich mache jetzt doch in einem Kurs mit zwei Koreanern mit) Galina lehrte mich sehr schnell ein wichtiges Wort: „REDUKTZIA“. Es bedeutet, daß unbetont aus einem o ein a wird, aus ja --> i , e --> i und aus oje wird aja. Manchmal fallen bei den Wörtern dann auch einige Buchstaben weg. Und seit Urzeiten spreche ich das ui in z.B. dem Wort für du (tui) auch entsprechend aus - das ui wird aber wie ein leicht modifiziertes i gesprochen. So richtig kriege ich meinen Mund noch nicht dahin, es so auszusprechen und mein Gehirn muss sich auch erst an all das „REDUKTZIA“ in allen Wörtern gewöhnen.

Im Umgang mit dem Wörterbuch werde ich auch immer schneller. Das ist aber auch notwendig. Bei den ersten Texten, die ich übersetzt habe, musste ich buchstäblich jedes Wort nachschlagen. Ab dem 3. oder 4. Absatz wurden es dann doch weniger, aber noch immer deutlich mehr als die Hälfte (Wachtturm z.Z. 70-90% zu übersetzen). Und es ist wichtig, auf die Betonung zu achten. In den Unterrichtstexten sind zum Glück Betonungszeichen darüber geschrieben, trotzdem muss ich manches Wort zwei oder dreimal laut lesen, ehe es einigermaßen einer richtigen Aussprache nahe kommt.

Man könnte fast meinen, erfreulicherweise gibt es im Russischen nur 5 Zeitformen. Aber wenn man die Umsetzung erfährt, kann einem doch etwas grausen. Zum einen ist es nicht so schön einfach wie im Englischen, wo man nur sehr wenig oder gar nichts an den Verben zu ändern hat, wenn man etwas ausdrücken will - im Russischen wird an den Verbwortstamm noch einiges angehängt, je nachdem, ob ich, du, er, sie, es, wir, ihr oder sie es tun. Dazu gibt es je nach Verbart unterschiedliche Regeln (die schon an sich umfangreich sind) und natürlich noch eine lange Ausnahme- und Besonderheitenliste. Und dann setzen sich die 5 Zeitformen wie folgt zusammen: Es gibt ein Verb, das drückt meine Handlung in einer unvollendeten Art aus, also z.B. laufen im Sinne von unterwegs sein, aber noch nicht angekommen. Davon gibt es die Gegenwartsform, die Vergangenheitsform und die Zukunftsform. Und zu diesem Verb gibt es ein zweites Verb. Dieses kann manchmal einfach durch eine Präposition pa- oder s- gebildet werden, oder aber ein ganz neues [zu lernendes] Wort sein. Dieses bezeichnet man als den vollendeten Aspekt, also eine abgeschlossene Handlung. Dieses gibt es nur in der Vergangenheitsform und in der Zukunftsform. Die beiden Verben bilden ein Aspektpaar. So darf ich also im Hinblick auf die Verben doppelt so viele Verben lernen.

Zum Glück sind die Russen aber auch recht weltoffen und einfallsreich. Sehr viele Worte sind aus dem Lateinischen, Englischen oder Deutschen transskribiert worden, sind also bekannte Worte in russischen Buchstaben. Und aus einem Wortstamm bauen sie mit einer Endung aus dem Verb ein Substantiv, eine Beruf oder was auch immer. Und dann setzen sie noch kurz eine Präposition davor, um die Bedeutung etwas aufzuweiten. So entstehen zwar sehr lange unaussprechliche Worte, aber so manchen Gedanken kann man damit in nur 2 oder 3 Worten ausdrücken. Na ja, noch bin ich nicht der Russischexperte, aber soweit mal mein Eindruck von der Sprache.

Das Land

Wieder einmal durfte ich feststellen: so viel anders als zuhause ist es hier gar nicht. Wir Westeuropäer haben, denke ich, ohnehin nur ein Bild von Sibirien: -40°C und alles voller Schnee. Aber hier ist es angenehm warm (15 - 25 °C), eigentlich viel zu kalt für diese Jahreszeit, die Bäume sind grün, das Gras wächst am Straßenrand und dazwischen tummeln sich Spatzen. In der Stadt trifft man auf Tauben, in den Läden gibt es alles zu kaufen was Rang und Namen hat, von Coca-Cola über Samsung-Fernseher bis zu Blendamed-Zahnpasta. An einigen Straßenecken lädt mich ein lebensgroßes Shakira-Plakat ein, doch ein Glas Pepsi-Cola zu trinken, auf einer großen Werbe-Videoleinwand in der Stadt zeigt mir Veronica Feldbusch, wie toll ihr Haar durch Schauma-Shampoo glänzt und rechts daneben gibt ein 20m Pierce-Brosnan mit seiner neuen Omega-Uhr auf einem Plakat an.

Irkutsk selbst ist schon recht alt, die erste Erwähnung der Stadt stammt von 1661. Entsprechend finden sich in der Stadt einige sehr alte Gebäude. Leider gehörte allerdings auch zur russischen Kultur unter Stalin und danach, vieles Unliebsames zu zerstören oder Altes gedankenlos einzureißen, um darauf irgendetwas neues zu errichten. So wurde zum Beispiel in der Innenstadt ein Erholungspark aus dem Boden gestampft. Dort befand sich allerdings der älteste Friedhof, wo viele Personen begraben waren, die sich in der Vergangenheit um die Stadt verdient gemacht hatten. Jeder, der darum weiß, geht daher nicht in diesen Park, denn der alte Friedhof wurde einfach plattgemacht. Es gibt nur vereinzelt 2 oder 3 alte Grabsteine.

In der Stadt stehen viele alte Holzhäuser, die um die 100 Jahre alt sind. Einige davon sind in sehr schlechtem Zustand oder gar völlig zerfallen. Wie man mir erzählte sind erst die letzten 2-3 Jahre Anstrengungen unternommen worden, alte Gebäude wiederherzustellen. Es gibt auch sehr schöne Steinhäuser (Kolonialstil ??) die jetzt Stück für Stück renoviert werden. Erst in einigen Außenbezirken findet sich die hässliche Plattenbau- und Pseudo-Bauhaus-Kastenarchitektur, die meisten Gebäude sind mit etwas Verziehrungen und Stuck gebaut, einige haben auch große Säulen vor den Eingängen. Die erste Universität eröffnete hier 1917, das Gebäude wurde restauriert (wie bereits einige ältere Gebäude der Stadt) und macht schon etwas her. In den nachfolgenden Jahren ist aus den vielen Instituten der Universität jeweils eine Akademie geworden und danach eine eigene Universität, daher gibt es eine Vielzahl von Universitäten in der Stadt.

Leider ist man auch hier dem Trend gefolgt, alle Oberflächen zu versiegeln - also alles zu betonieren oder zu asphaltieren. Bei den extremen Temperaturbedingungen hier hält das aber nicht lange: Im Sommer wird es hier bis zu 40 °C heiß, im Winter bis -25 oder -30 °C. Dazu sagte mir mal ein junger Mann aus Kanada über sein Land: „Wir haben hier nur 4 Jahreszeiten: Winter, Winter, Winter und Construction“ - will heißen, alle Straßen müssen einmal im Jahr überholt oder repariert werden, weil die extremen Temperaturunterschiede alles zerreißen. So natürlich auch hier, nur daß das mit dem reparieren wohl niemand macht, weil kein Geld da ist.

Außerdem hatte ich die Vorstellung, daß hier im Winter alles voll Schnee liegt. Nur habe ich mich dann gefragt, wieso viele alte Häuser die Fenster fast bis zum Erdboden hinab haben? Aber das mit den Fenstern liegt wohl daran, daß die Häuser abgesackt sind. Wir befinden uns allerdings hier nicht im Bereich des Permafrostbodens, daß also die Häuser auf diesem Boden gebaut wären und steigende Temperaturen im Jahresmittel für das Absacken verantwortlich wären. Irkutsk liegt ca. beim 52,4ten Breitengrad, also genau auf der Höhe Berlins. Das mit dem Absacken muss andere Gründe haben (noch weiß ich nicht warum). Und die Vorstellung mit dem vielen Schnee hatte ich von all den Wasserschäden, die man an buchstäblich jedem Haus beobachten kann. Selbst in meinem Zimmer finden sich Beweise für ehemalige Wasserschäden. Besonders in Erdbodennähe scheint hier alles feucht zu sein. Gebäude, die letztes Jahr gebaut wurden, haben überall Risse. Viele andere Gebäude sehen aus wie die Kasernen im Olympischen Dorf in Dallgow oder die in Potsdam gleich nach dem Ortseingang aus Fahrland - kaputte Regenrinnen zerstören Mauerwerk und der Putz bröckelt überall ab. Die Fensterrahmen sehen aus wie 100 Jahre alt und nie hätte jemand etwas daran gemacht. Aber hier herrscht Kontinentalklima - das heißt, im Vergleich zu uns ist es eher trocken. Und tatsächlich gibt es hier nicht sehr viele Niederschläge. So stark ist dieser Klimaeinfluss also nicht. Am Dienstag habe ich Björn aus Deutschland getroffen, er war vor 2 Jahren für 1 Jahr hier, um Russisch zu lernen. Er erzählte mir, daß es im Winter kaum anders aussieht als jetzt, es ist nur eben recht kalt, gibt aber nicht sehr viel Schnee. Nur das Grün der Pflanzen fehlt - damit sieht es etwas trostlos aus. Und man spürt die trockene Kälte nicht wirklich. Bei -20 °C hat man ihn gefragt, warum er denn nicht endlich mal eine Mütze aufsetzen würde - aber ihm war eben nicht kalt. Irgendwann hat man ihn dann doch überredet.

Die extremen Temperaturunterschiede hier zerstören also nicht nur Straßen, sondern auch Gebäude. Allerdings darf ich einen Bau direkt beobachten. Vor unserem Fenster wird ein großes Wohnhaus für die Professoren gebaut, mit Doppelglasfenster, Balkon etc. Ich bin mir sicher, daß Jörn, Hannes und Frank ihre helle Freude über den „Pfusch am Bau“ hätten. Das Verputzen des Hauses scheint ewig zu dauern. Hier wird noch viel mit Stahl gearbeitet, der rostet jedoch sehr gut, die Schweißnähte sind nicht immer sonderlich sauber ausgeführt und mit dem Schutzanstrich gibt es auch einige Probleme. Allerdings scheint sich das Bild insgesamt schon etwas zu wandeln. Man findet einige sehr schön renovierte Häuser, auch nette Holzhäuser, und so langsam kommt man auch in Bezug auf Farbe auf den Geschmack und verwendet mehr davon (statt des Einheits-Betongraus). Man hat auch vor, sich mehr dem Tourismus zu öffnen, bald ist Irkutsk dann bestimmt eine sehr schöne Stadt, das bisher erreichte spricht zumindest dafür.

Ich fahre hier fast immer mit dem Trolleybus (ein Bus mit Elektroantrieb, also zwei Oberleitungen). Ansonsten gibt es einige Straßenbahnlinien (alle sehr alt und russisch). Und wie in jeder aufstrebenden Kultur dürfen die Minibusse nicht fehlen. Die sind zwar etwas teurer als die althergebrachten Fortbewegungsmittel, aber dafür umso schneller. Erfreulicherweise sind sie Fahrer dieser Minibusse hier nicht ganz so lebensmüde wie ich das in anderen Großstädten erlebt habe. Eine Fahrt ins Stadtzentrum oder zum Flughafen kostet umgerechnet ca. 15 Cent. Wie schon erwähnt gibt es in der Stadt eine Vielzahl von Ruinoks - Märkten, auf denen man alles kaufen kann: Brot, Butter, Wurst, Handys, Bratpfannen, Kosmetika, Haarspray, Mikrowellen, Schuhe, Ledertaschen, Bücher oder was auch immer sonst man sucht.

Zum Baikal war ich noch nicht, da fahren wir nächste Woche Dienstag oder Mittwoch hin. Auch werden wir einen Ausflug in die Umgegend machen, so daß ich etwas mehr von der Natur hier mitbekomme. Wenn man bei der Wachtturm-CD Irkutsk eingibt, erhält man einige Berichte von Brüdern, die hier in der Nähe einige Jahre gelebt haben. Man findet sogar den Bericht, daß ein Flugzeug der Marke AN-124 in ein Wohngebiet gestürzt ist. Am Dienstag war ich mit Björn an dieser Stelle. Damals kamen 97 Menschen ums Leben. Man hat dort eine neue orthodoxe Kirche hingesetzt. In der Nähe befindet sich eine große Fabrik, die Flugzeuge herstellt. Im Moment arbeiten sie an einem düsenbetriebenen Wasserflugzeug zum Waldbrände löschen, einige wurden wohl schon gebaut und die Bestellliste ist recht lang. Dies ist auch der größte Arbeitgeber in Irkutsk.

Viele Menschen hier haben neben ihrer Wohnung noch eine kleine Datscha (Wochenendhaus) wo sie viel Gemüse und Obst anbauen. Daher nennen sie diese auch eher Rabotscha (rabota = arbeiten). So braucht man auf dem Markt nur noch Mehl o. ä. kaufen. Etwas außerhalb des Zentrums geht das Leben ganz nett vor sich hin, wiewohl man auch hier (besonders am Wochenende) einige Betrunkene sieht. Bier hat ja den Wodka an Beliebtheit schon fast abgelöst und in der Innenstadt läuft mindestens jeder 2. Mann mit einer Flasche Bier in der Hand herum. Im Stadtzentrum stehen überall große Bierzelte, auch außerhalb des Zentrums finden sich diese. Eine Lösung des Alkoholproblems scheint nicht in Sicht. Björn war mal für 2 Wochen in einem Erholungsheim der Universität und hat noch nie so viel Alkohol wie in den 2 Wochen getrunken. Jeden Abend haben die jungen Leute dort feucht-fröhlich gefeiert. Es wird einem also zumindest nicht schwer gemacht und so viele gute Vorbilder gibt es wohl nicht.

Björn ist übrigens schon der zweite Deutsche innerhalb einer Woche, den ich getroffen habe. Beide hatten eine Frau aus Irkutsk geheiratet und sind zu Besuch bei den Schwiegereltern. Dieses Ansinnen, eine Frau aus Irkutsk zu heiraten, hat man mir auch schon angetragen (und sogar im Unterricht auf Russisch besprochen), aber ich bleibe hart. Und ich habe unsere deutschen Frauen verteidigt und gesagt, daß nicht alle emanzipiert sind und wir armen Männer deshalb nach Russland gehen müssen, um eine vernünftige Frau zu finden.

Die Unterkunft

Netterweise habe ich ein Dreibettzimmer ganz für mich allein. Im Vorraum teile ich mir mit zwei Sprachstudenten aus Korea (Phil-Son [Phillip] und Tschok) ein Waschbecken mit kaltem Wasser. Im kleinen Nebenraum haben wir noch ein WC. Im Sommer wird das warme Wasser wohl immer abgestellt. So richtig weiß wohl keiner hier, wann es wieder warmes Wasser gibt. Immerhin gibt es in der 5. Etage eine Dusche, wenn auch nur mit kaltem Wasser. Sie ist dennoch sehr angenehm, da die Luft recht warm ist. Letzte Woche Samstag gab es dann nicht einmal mehr kaltes Wasser - und ich musste dringend auf die Toilette! Also fragte ich den Wachmann, was denn mit dem Wasser los sei. Doch er wusste weder, warum es kein Wasser gab noch wann es wieder einmal Wasser geben würde. Da fiel mir der alte russische Spruch ein „Sawtra budjet, sawtra“ [morgen wird’s was, morgen]. Immerhin beschrieb er mir den Weg zu einer öffentlichen Handwasserpumpe 2 Straßen weiter. Neulich war nur in der Dusche kein kaltes Wasser (muss ich erwähnen, daß auch kein warmes Wasser da war??), doch da wusste keiner, warum ausgerechnet dort kein Wasser war. Na ja, irgendwie lebt man eben damit.

In unserem gemeinsamen Vorraum fehlt übrigens die Lampe (kein Fester, 4 Türen, d.h. dunkel) und in meinem Zimmer funktioniert auch nur eine Lampe. Also dachte ich mir in meinem jugendlichen Leichtsinn, ich kaufe einfach 2 Lampen für zusammen 10 Rubel (30 Cent) und installiere diese. Natürlich war es nicht so einfach, denn entweder der Schalter oder die Leitungen sind kaputt, wie ich danach festgestellt habe. Der Fahrstuhl in die 6. Etage geht nach 19:00 Uhr nicht mehr (aber manchmal auch einfach so nicht), sonst habe ich alles, was ich benötige. Einmal wollte ich kein Bonaqua Mineralwasser kaufen und habe mich für ein anderes entschieden - allerdings enthält das so viele andere Mineralien, daß es schon gar nicht mehr schmeckt. Nächstes Mal nehme ich wieder Bonaqua, auch wenn ich dem Coca-Cola Konzern nicht das Geld in den Rachen schmeißen möchte.

Neben mir wohnen also die beiden Koreaner, mit denen ich den Sprachkurs mache. Interessanterweise sprechen sie noch schlechter englisch als russisch. Es ist das erste Mal, daß der größte gemeinsame Nenner mir Personen anderer Nationen die russische Sprache ist. Wir unterhalten uns daher stets untereinander in unserem total schlechten Russisch. Manchmal nehmen wir noch ein englisches Wort zu Hilfe, aber an Russisch kommen wir nicht vorbei. So schulen wir uns gegenseitig. Beim gemeinsamen Essen beim Chinesen hat es zwar nicht wirklich gereicht, aber wir schlagen uns durch.

Ach ja, letzte Woche ging in der Universität 2 Tage kein Licht, denn es gab keinen Strom. Na ja, dann kann man eben die Computer auch nicht benutzen (während die ganze Stadt Strom hat). Aber scheinbar kümmert auch das niemanden, es ist eben kein Strom da. Ich weiß nicht, wie sie ihre Arbeit machen, aber die Unbekümmertheit an sich ist schon sehr interessant.

Die Versammlung

Bereits am Mittwochabend, dem Tag, an dem ich in Irkutsk gelandet bin, wollte ich die Versammlung hier besuchen. Benjamin hatte mir netterweise die Adresse zukommen lassen, ich hatte bereits einen Stadtplan erworben und dachte mir daher, Karl-Liebknecht-Str. 239b zu finden kann nicht so schwer sein.

Zunächst hatte am Nachmittag erst einmal Dauerregen eingesetzt. Zudem sind die Straßen (und natürlich auch die Hausnummern) hier nicht so sonderlich gut ausgeschildert. So bin ich erst eine Weile umhergeirrt, um die richtige Straße zu finden. Und dann hatte ich mir die falsche Hausnummer gemerkt, also suchte ich die 129b. Nur - weder in der 131a wusste der Mann etwas von Jehovas Zeugen noch die Frau in 127 kannte uns oder Hausnummer 129. Also bin ich zurück zum Wohnheim und brachte Hausnummer 239 in Erfahrung. Die Straße kannte ich nun ja schon. Irgendwann hatte ich dann auch 239a gefunden - mehrfach gut ausgeschildert. Aber daneben stand schon Haus 243. Also suchte ich alle Hinterhäuser ab. Doch die gehörten alle zu irgendwelchen anderen Straßen. Also fragte ich wieder jemanden, der dort herumstand und er zeigte auf ein Wohnhaus, das ich einer ganz anderen Straße zugeordnet hatte (natürlich stand keine Hausnummer daran). Ich war schon etwas verwundert, daß der Saal in einem Wohnhaus sein sollte. Ich ging also durch alle Gänge dieses 96-Wohnungen-Hauses um irgendeinen Hinweis auf Jehovas Zeugen zu finden. Letzten Endes fragte ich einen Mann, der aus seiner Wohnung kam. Irgendwie schien er mich aber nicht zu verstehen, er kannte nicht mal das Wort Religion geschweige denn Jehovas Zeugen. Dann merkte ich aber auch, daß er etwas angetrunken war. Doch er schleppte mich mit vor das Haus wo eine Frau saß, sie solle mir helfen. Sie verstand mich und führte mich zu 3 Wohnungen von Zeugen Jehovas, allerdings war (natürlich) um diese Uhrzeit niemand zu hause - sie waren alle in der Versammlung. So beschloss ich am nächsten Tag wiederzukommen. Noch verstand ich nicht, warum ich die Adresse eines Hauses hatte, wo wohl einige Zeugen wohnen, aber kein Saal ist.

Am nächsten Tag klopfte ich an eine Tür, wo Olga wohnen sollte. Zwar öffnete Lena die Tür, aber ich war richtig, Olga wohnte ebenfalls dort. Lena zeigte mir dann, wo der Saal in der 239b zu finden war - im Verbindungsstück zwischen den beiden Wohnhäusern war ein Mehrzweckgebäudeteil eingesetzt worden, in der zweiten Etage befindet sich ein Saal, der am Donnerstag gerade von irgendeinem Theaterclub genutzt wurde. Lena erzählte, daß keine Versammlung in Irkutsk einen eigenen Saal besitzen würde, also alle Versammlungen in gemieteten Sälen abgehalten würden. Olga hatte noch erwähnt, daß in der vergangenen Woche vom 1. bis 3. August in Irkutsk der Bezirkskongress stattgefunden hatte, es gab 3700 Anwesende. Somit wusste ich also, wohin ich am Sonntag zur Versammlung gehen konnte.

Ach ja, kleine Zwischenbemerkung: Die Brüder und Schwestern sind hier wirklich eifrig. Auf dem Weg nach Hause sprach mich gleich ein Bruder mit dem Traktat „Warum sollte man der Bibel vertrauen“ auf russisch an. Und sogar bei den beiden koreanischen Studenten liegt ein russisches Traktat „Möchten Sie die Bibel besser kennen lernen“ auf dem Tisch, das muß ihnen wohl jmd. gegeben haben.

Am Sonntag war der Saal sehr gut gefüllt, ich erhielt trotzdem noch einen Sitzplatz - wenn auch nur auf einer gepolsterten Bank ohne Rückenlehne. Ich war eigentlich überrascht, daß ich doch einiges vom Vortrag mitbekam, ca. 5% der Worte habe ich verstanden. Der Redner leitete sich mit einer Erfahrung aus seiner Jugend ein, er sprach des öfteren über die Bedeutung des Lichtes - zunächst des buchstäblichen (u.a. Photosynthese) - und dann des geistigen Lichtes. Zwischendurch brachte er auch einen Werbetext ein, den er beobachtet hatte - und welches Gedankengut dahinter steckt. Viel mehr habe ich aber nicht verstanden. Dafür habe ich alle Bibelstellen mitbekommen und konnte diese in meiner russischen Bibel auch aufschlagen und mitlesen (obwohl ich bei den meisten Worten bei weitem nicht so schnell bin wie die eingefleischten russischen Leser). Nur das Bibelbuch Safonia habe ich nicht gefunden - zuhause aber festgestellt, daß es Zephanja heißt. Und Josua heißt im Russischen Jesus Nawin. Danach folgte jedenfalls das Wachtturmstudium - doch die Absätze wurden nicht gelesen. Erst dachte ich, daß wäre eine Besonderheit hier, aber nach einer halben Stunde ging der relativ junge Vortragsredner noch einmal auf die Bühne und hielt eine Ansprache für eine halbe Stunde - ich war also in der Dienstwoche gelandet (wie mir ein anderer Bruder später bestätigte). Nach der Versammlung habe ich mir noch den aktuellen Wachtturm auf Russisch besorgt (erst die weiteren habe ich schon auf russisch) und mit nach Hause genommen.

Nun wollte ich also am zweiten Mittwoch die Versammlung besuchen. Als ich allerdings beim Saal eintraf, standen einige Brüder und Schwestern davor und sagten, wir könnten den Saal heute nicht benutzen (den Grund habe ich nicht verstanden). Morgen würde aber das Jesaja-Buchstudium durchgeführt werden. Also haben wir uns auf Sonntag vormittag verabschiedet und ich bin mit der Straßenbahn zurückgefahren. So hatte ich Zeit, innerhalb von 2 Stunden die ersten 6 Absätze des aktuellen Wachtturms zu studieren. Passenderweise gibt es in Irkutsk auch viele Sperlinge. Ich weiß zwar nicht, wie sie den kalten Winter überstehen, aber zur Zeit scheint es ihnen ganz gut zu gehen.

Konjetz - Phinisch - Ende

Soweit meine Erlebnisse bisher hier in Irkutsk. Die nächste Mail wird wohl erst aus Moskau kommen. Ich hoffe nix wichtiges vergessen zu haben, wenn doch - oder ihr eine Frage habt, könnt ihr es mir ja einfach schreiben.

Mit freundlichen russischen Grüßen

Matthias

weiter zum zweiten Bericht vom 14. 11. 2003