Bildung in meiner Jugend

Vor einiger Zeit (2002) fielen mir durch Zufall meine alten Aufzeichnungen des Deutsch-Unterrichtes Klassenstufe 4 bis 8 in die Hände. Aus heutiger Sicht finde ich es sehr interessant, mit welchen Stücken wir uns damals (in der DDR) befaßt haben und welche Fragen wir beantwortet haben bzw. welche Hauptgedanken herausgearbeitet wurden. Hierzu eine kleine Auswahl:

Klasse 4

"Der Laternenmann", Maxim Gorki

Auf welche Weise geling es, den Jungen das Laternenschmeißen abzugewöhnen?

"Flämmchen", Günter Feustel

Erkläre, warum wir diese Geschichte von Flämmchen nicht vergessen sollten!

Sie sollte uns ein Vorbild sein, weil sie das tat, wofür sie fest einstand, und auch wir sollten für etwas, für das wir einstehen, auch die entsprechenden Handlungen hervorbringen, zum Beispiel Überwindung der Angst.

[Mut: verrät nicht, daß sie die Schwester Kurts ist (bei dessen Verhaftung), streicht die Wahlplakate der Nazis durch]

"Salvi Fünf" oder "Der zerrissene Faden", Willi Meinck, 1966

"Ede und Unku", Alex Wedding, 1931

"Der kleine König und die Sonne", Edwin Hoernle (1883-1952)

Weshalb zittert der kleine König vor Furcht? [Weil die Tiere die Sonne ehren, nicht den König] Weshalb erschraken die Untertanen? Wodurch ändert sich die Situation schlagartig? Schreibe den Satz ab, der das ausdrückt!

Klasse 5

"Die Kreuzotter", Juri Sotnik

Ordne die Personen im Zug nach: Befürworter Borjas, Gegner Borjas, wechselhaft

"Der Heizer des Zuges Nr. 71", Alexander Kononow

"3/4 hundert Kleingeschichten", Erwin Strittmatter

Klasse 6

"Die Denkaufgabe", Bertold Brecht (1898-1956)

Was erfahren wir in den ersten beiden Sätzen? Achtet auf die Söhne, als das Erbe des Vaters aufgeteilt werden soll! Schildert das Verhalten der Söhne dabei!

BTW: Statt nach ihrem Vater zu sehen, rennen die Söhne durch das Haus auf der Suche nach dem Testament. Sie achten darauf, daß ja nicht einer zuviel erhält. Das hat Bertold Brecht also schon vor ~100 Jahren beobachtet. Ich beobachte es jetzt, viele Jahre nach der Schulzeit, um mich herum. Komisch, meine Mitmenschen haben solche Texte doch auch behandelt. Haben sie nichts daraus gelernt????

"Mohr und die Raben von London", Hörspiel

In der 'Kreuzspinne' 12 Stunden Nachtschicht für Kinder! Widerlege aus dem Hörspiel einige der Lügen des "Brillenteufels"(Bell)!

"Kohlenzuschmeißer", Hans Marchwitza (1890-1960), 1950

Suche eine Stelle und lies sie ausdrucksvoll vor, die die Schwere und Gefährlichkeit der Arbeit untertage zeigt! (S.118/1). Suche eine Textstelle, die das Verhältnis der Hauer zueinander belegt! (S.119, 120-121) Welche Empfindungen hat der Junge bei der zweiten Flucht?

Klasse 7

"Käuzenkuhle", Horst Beseler

Mit Jampoll und Schraube, Zündapp und Schrottplatz

"Don Quijote. Die denkwürdigen Abenteuer des tapferen Ritters von trauriger Gestalt",
Mignel de Cervantes Saavedra (1547-1616), 1605

sprachliche Mittel der Ironie? positive und negative Wertung? Mittel der Komik und Tragik?

"Wanka", Anton Schechow (1860-1904), 1896

Wankas Erlebnis im Dorf des Großvaters nacherzählen! Lies den Brief ausdrucksvoll vor! Worin siehst du die persönliche Tragik Wankas? (Wenig Essen, Schläge und Strafe wegen jeder Kleinigkeit, darf nicht schlafen, Sehnsucht Großvater, Brief kommt nie an)

Klasse 8

"Der Schimmelreiter", Theodor Storm (1817-1888), 1888

3 Erzähler mit 3 Absichten? 4 Gründe warum Hauke Haien scheitert?

"Der abenteuerliche Simplicissimus", Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen (1621-1676)

Wie kommt Simplex mit den Landsknechten in Berührung? Beispiele für Simplex Unwissenheit? Was stellt sich beim Einsiedel heraus? Tieferer Sinn des Ständelbaumes, Bezug zu "Hochzeit des Figaro" (Oper)?

"Faust", nacherzählt von Anne Geelhaar

"Madre chilena", Hörspiel

Chile der Gegenwart, Jose:"Ich habe meinen Sohn verleugnet", er darf nicht zeigen, daß es sein Sohn ist, da es um sein Leben geht. Daher entschließt er sich mit seiner Frau, im Leichenschauhaus weiterzuarbeiten und seinen Sohn still für sich zu begraben.

"Der unsterbliche Name", Konstantin Simonow (1915-1979), 1944

Beweise, daß diese Erzählung eine optimistische Perspektive hat! ... und an einem eisernen Telegrafenmast ein Holztäfelchen mit der Aufschrift: "Der Weg ist frei. Artemjew". Hier war nicht etwa ein Wunder geschehen. ... Und als ich unter dieser Aufschrift nach 10, nach 30, nach 70 Kilometern immer wieder den gleichen unsterblichen Namen fand, glaubte ich zu wissen, daß ich dereinst, in naher Zukunft, beim Überschreiten ..." (Anm. d. Red: kurz vorher hatte er das Grab des Pioniers und Offiziers Artemjew gefunden)

"Der Schuß", Anton Puschkin (1799-1837), 1830

Wie verwirklicht Silvio seine Rache an dem Grafen? Warum reagiert er so? (Er will den Grafen nicht töten, sondern nur dessen Angst vor dem Tod sehen.)

"Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", Georg Büchner (1813-1837)

"Kleider machen Leute", Gottfried Keller (1819- ), 1856

Literaturübersicht

Außerdem ermunterte uns unser Deutschlehrer Herr Ziesemer, eine Liste mit allen von uns gelesenen Büchern aufzustellen und auf dem aktuellen Stand zu halten. Ich habe meine Liste von Klasse 4 bis 7 (Alter 10 bis 13) noch aufgehoben und einmal für das Internet abgeschrieben:

Mein Onkel Odyssedeus
Meine Freundin Katrin
Das Geheimnis des alten Brunnens
Alfons Zitterbacke
Flug 627
Eden
Das Orakel der Delphine
Stunde des Cheres
Robinson Crusoe
Die späteren Fahrten des Robinson Crusoe zu seiner Insel und rund um die Welt
Notlandung auf dem Tschompot
7 fielen vom Himmel
Sindbad der Seefahrer
Tom Sawyers Abenteuer
Die Sage von Hirsch mit dem Silbergeweih
Das Flugzeug
Der Rabe Kutcha
Christian
Die Wunderbrille
Über Rekorde in der Technik
Wilhelm Hauff Märchen
Der nächste Patient - ein Storch
Elektroantrieb von Modellen
Esox
Das Ende des Macharirodus
Das blaue Wunder irgendwo
Tepetepee
Clown Palawatsch
Ich bin die Nele
Signal auf Halt
Lichtspruch nach Tau
Zeitsprung ins Ungewisse
Der grüne Tuul
Freie Bahn für Kopfsteher
Der letzte Tag auf der Venus
Marsmond Phobos
Computerwissen für alle
Riesen der Ozeane
Der Gefangene der Santa Barbara
Der Weg der Toten
Verschollen auf der Langusteninsel
Pearl Habour
Der Mann vom Anti
Der große Tag des Kurtchen Vogelfang
Looping
Flug ohne Rückkehr
Nellis-Report
Operation Müll
Silvesterglocken für den Tod
Der geheime Flugplatz
Über der Mongolischen Steppe
20000 Meilen unter dem Meer
Die unheimlichsten Gespenstergeschichten
Ploxis
Das Raumschiff
Als die Erde jung war
7 Wochen im Ballon

Vielleicht war es auch ganz hilfreich, daß auf unserem Nachbargrundstück eine öffentliche Bibliothek stand und ich ab 11 Jahren eine Benutzerkarte besaß. Leider wurde sie 1992 geschlossen. Seit 3/92 war ich dann Nutzer der Öffentlichen Bibliothek Berlin in Spandau. Mittlerweile habe ich ohnehin nur Zeit für Fachliteratur, und die gibt es in der Uni-Bibliothek.

Nachdem diese Seite seit Februar 2002 unverändert geblieben war, erhielt ich am 28. März 2007 einen netten Gästebucheintrag:

Ich find das mit deiner Bildung und der Buchliste cool! Dazu fielen mir spontan nur zwei Fragen ein:
1. Warum?
2. Warst du nach der 8. Klasse mit deinen zehn Jahren fertig?

Hier meine Antworten:

  1. Wie schon im einleitenden Absatz gesagt, finde ich es interessant, welche Literatur uns zu Schulzeiten zum Lesen gegeben wurde. Eine gewisse 'ideologische Erziehung' war sicherlich auch gewollt. Menschen werden ja nicht von sich aus zu besseren Menschen, sondern müssen zu solchen erzogen werden. Zum Thema Weltbild, Werte, Tugenden, Anschauungen etc. leistet die Schule sicherlich einen wichtigen Beitrag. Es ist also auch für mich im Nachhinein ein Blick auf die Dinge, die zu meiner Charakterbildung beigetragen haben. Sowie auf die Charakterbildung meiner Zeitgenossen.
    Um gewisse Details des heutigen Alltags - viele Jahre nach der 'Wende' - zu verstehen hat dies sicherlich einen Nutzen. Immerhin wird das Denken in den ersten 20 Lebensjahren entscheidend geprägt. Und Lesen bildet, das ist ja auch klar. Es sind aber eher die unverständlichen und nicht rational fassbaren Entscheidungen und Meinungen von heute, die mich auf diese Fragen brachten.
  2. Nein. Aber da kam die Wende (1989). So habe ich 1990 die Schule gewechselt. In dem Übergangs-Schulmodell wurden in Vorbereitung auf das Abitur sogenannte 'Leistungsklassen' eingeführt. Ergo war ich in der Friedrich-Engels-Schule in der 9L. Wieder ein Jahr später eröffnete dann das Gymnasium in Falkensee, so dass ich dort die 10. Klasse zur Schule gegangen bin. Danach habe ich die Schule verlassen und das Gymnasium wurde nach der Physikerin Lise Meitner benannt.
    Durch all die neuen Eindrücke habe ich meine 'Buchleseliste' nicht mehr weitergeführt. Für den Lesestoff der DDR wäre sie dann ohnehin nicht mehr authentisch. Ein richtiges System hatte der Deutschunterricht bezüglich des Lesestoffes in meinen beiden letzten Schuljahren nicht mehr. Der angesprochene ideologische Aspekt war dafür wahrscheinlich eine der Ursachen.

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